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Liquid Leadership, oder: Medien, Macht und Menschen mit Social Media.

Carsten Rossi am 21.06.2011 14:24:00

Da ich heute an diesem Panel während des Medienforums und des Twittwochs NRW teilnehmen soll, habe ich mir ganz gegen meine sonstige Art ein ausformuliertes Einstiegsstatement vorbereitet, das ich hier vorab zum Besten geben will. Ich denke, dass es, auch wenn es über das sonst sehr eng gefasste Themenspektrum des Blogs hinausgeht, von Interesse zumindest für diejenigen ist, die mich besser kennenlernen oder verstehen wollen:

Eingangsstatement von Carsten Rossi zur Panel Diskussion auf dem Twittwoch NRW während des Medienforum.NRW am 21. Juni 2011: "Liquid Leadership, oder: Medien, Macht und Menschen mit Social Media"

 

Angesichts der durch die technische Möglichkeiten von Social Media ausgelösten sozialen Dynamik stehe ich im Hinblick auf unser heutiges Thema dem Prinzip der Repräsentation zusehends misstrauisch gegenüber. Direkte, unvermittelte Meinungsbildung und Entscheidungsfindung ist nicht nur technisch machbar sondern vor dem Hintergrund zahlloser Beispiele für spontane soziale Bewegungen sogar geboten.

Das bedeutet für mich auf der Ebene der Macht, dass die Parteiendemokratie ihr Machtkartell öffnen muss. Für die Parteien - die in unserer Demokratie ohnehin aufgrund geringer Mitgliederzahlen und fragwürdiger, weil in sich wieder repräsentativer innerparteilicher Demokratie-Mechanismen eine höchstens noch suspekte, machtstabilisierende Rolle spielen - kann das nur heissen, dass Sie als "Vereine" durchaus weiter am politischen Geschehen teilnehmen können, dass sie aber ihren dogmatischen verfassungsgemäßen Alleinvertretungsanspruch langfristig aufgeben müssen. Sie müssen weitere Möglichkeiten zulassen, sich an der politischen Entscheidungsfindung zu beteiligen, sei es durch direkte Demokratie oder durch neue Arten von stabilen oder temporären Allianzen, die sich für die Lösung von Grundatz- oder Sachproblemen zusammenfinden und direkten und entscheidenden Einfluss auf legislative Entscheidungen nehmen können.

Für die Ebene der Medien bedeutet dies, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk - der in Fernseh- und Rundfunkräten ebenfalls nur repräsentativ und vor allem erneut parteidominiert entscheidet - sich der direkten Einflussnahme der Bürger öffnen muss. Es sollte hier wesentlich leichter als in komplexen parlamentarischen Strukturen möglich sein, das Engagement und die Partizipation der Zuschauer und Zuhörer maßgeblich in die Programmplanung zu integrieren. Das bisschen unverbindliche Feedback per Twitter - wenn auch gut und professionell gemacht - oder die Abstimmung über den Film der Woche per TED kann kaum das Ende der Fahnenstange sein. Wenn es (einige wenige) Bürgerhaushalte gibt, dann sollte ein Bürgerprogramm das Mindeste sein, was die Zukunft bringen muss. Technisch steht dem wenig bis nichts entgegen.

Für die Ebene Mensch (im Netzwerk von Macht und Medien) erwarte ich eine wesentlich komplexere Form der Meinungsbildung. Der Mensch - als Bürger - wird sich in Zukunft nicht mehr nur den üblichen Gatekeepern für die Entscheidungsfindung gegenüber sehen, sondern er wird sich mit wesentlich mehr "Meinungsmachern" auseinandersetzen müssen. Darunter sicherlich auch mit wirtschaftlichen Einheiten wie z.B. großen Unternehmen, die schon aus purem Eigeninteresse dazu übergehen müssen, die Meinung Ihrer Stakeholder direkt und ohne Vermittlung (durch die Gatekeeper in Parteien und Medien) zu beeinflussen. Und die in Zukunft vielleicht sogar selber temporäre Allianzen mit Bürgern oder anderen Stakeholdern bilden, die sich formal und direkt an der gesellschaftlichen, politischen Entscheidungsfindung beteiligen. Warum sollte nicht aus dem negativ konnotierten "Generalverdacht" politischer Einflussnahme durch Lobbying ein offener, selbstverständlicher, positiver und transparenter Prozess der Beteiligung von Unternehmen an demokratischen Entscheidungen werden. Unternehmen könnten als "corporate citizens" in der Allianz mit anderen eine durchaus wesentliche Rolle in der Demokratie spielen.

Das Gesamtkonzept für diese Überlegungen nenne ich persönlich "Liquid Leadership", d.h.: Meinungs- und Entscheidungsführerschaft werden direkt, dynamisch, sachbezogen und transparent ausgehandelt - mitten im Fluss der Meinungen, Probleme und beteiligten Einheiten. Social Media sind dabei das technische Framework, der Transmissionsriemen, der eine vielfältigere gesellschaftliche Dynamik möglich macht. Das Ergebnis ist am Ende eine unvermittelte "Demokratie in Echtzeit".

 

 

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